Julian Jäger
Julian Jäger
Vorstand Flughafen Wien AG

Julian Jäger zur Corona-Krise: Wirtschaft im Interview

Auch die Luftfahrt macht Pause: Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie steht der Wiener Flughafen still. Wir haben bei Julian Jäger, Vorstand Flughafen Wien nachgefragt, ob es mit den geplanten Lockerungen der Corona-Maßnahmen nun Hoffnung gibt, dass auch der Flugbetrieb langsam wieder aufgenommen werden kann. 

schau: Auch die Reisebranche und damit auch der Flugverkehr sind durch die Coronakrise massiv betroffen. Wie lässt sich das am Flughafen Wien in Zahlen ablesen? 

Julian Jäger:  Derzeit verzeichnen wir Passagierrückgänge von rund 99% gegenüber dem Vorjahr. Es werden hauptsächlich Frachtflüge durchgeführt, vereinzelt noch Passagierrückholungen und wenige Linienflüge.

Wie nachhaltig schätzen Sie den entstandenen Schaden für die Flugbranche generell ein?

Die Situation ist dramatisch, der Schaden enorm. COVID-19 ist eine globale Krise, die alle Teile der Welt betrifft und damit auch die weltweite Luftfahrt. Das spürt auch der Luftfahrtstandort Österreich: An allen österreichischen Airports herrscht eingeschränkter Betrieb, der größte heimische Carrier Austrian Airlines verhandelt um Staatshilfe und auch die anderen Airlines leiden massiv unter der aktuellen Situation.

Die 7.000 Mitarbeiter*innen der Flughafen Wien AG sind seit 1. April in Kurzarbeit. Wie wurde diese Maßnahme von der Belegschaft aufgenommen? 

Derartige Maßnahmen sind nie angenehm, in unserem Falle aber überlebensnotwendig. Das sehen auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so und sie alle legen höchste Loyalität und Einsatzbereitschaft an den Tag. Damit halten sie den Flughafen-Betrieb am Laufen und sorgen so für die Versorgungssicherheit des gesamten Landes, ohne sie könnten keine Frachtflüge mit medizinischer Ausrüstung oder Rückholungsflüge abgefertigt werden. Für diesen Einsatz und diese Loyalität sind mein Vorstandskollege Günther Ofner und ich ausgesprochen dankbar, wir sind stolz auf unser Flughafen-Team.

Erste Wirtschaftsbereiche werden schrittweise wieder hochgefahren. Wann rechnen Sie mit einer Rückkehr zum Normalbetrieb am Flughafen Wien? 

Derzeit verzeichnen wir Passagierrückgänge von rund 99% gegenüber dem Vorjahr und ein Aufschwung wird eher schrittweise stattfinden. Erste Airlines haben bereits angekündigt, demnächst wieder Linienflugverbindungen ab Wien aufnehmen zu wollen. Derzeit sind aber noch einige Reise- und Landebeschränkungen aufrecht, auch gibt es keine international verbindlichen Regeln für allfällige Präventionsmaßnahmen im Flugzeug. Die Passagierentwicklung wird stark davon abhängen, in welchem Ausmaß es eine Reisefreiheit gibt und wann eine Impfung flächendeckend verfügbar sein wird. Für 2020 rechne ich mit keinem Verkehrsaufkommen, dass auch nur annähernd in die Nähe der letzten Jahre kommt, auch 2021 ist derzeit mit großer Unsicherheit behaftet. Langfristig wird sich die Luftfahrt aber, so wie nach vergangenen Krisen wie 9/11 oder SARS, wieder erholen.

Die Lufthansa hat jüngst einen Bericht der Neuen Zürcher Zeitung dementiert, wonach der Vienna International Airport seine Hub-Funktion im Konzern verlieren soll. Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass Wien hier künftig nicht mehr als Drehkreuz dienen könnte? 

Austrian Airlines ist der größte Carrier am Flughafen Wien und stellt fast die Hälfte der Passagiere. Mit ihrer Langstrecke und dem breiten Netzwerk nach Osteuropa ist die AUA nicht nur für den Flughafen, sondern für den gesamten Wirtschafts- und Tourismusstandort Österreich extrem wichtig. Die österreichische Wirtschaftslandschaft ist klar auf Osteuropa ausgerichtet, große Unternehmen wie Siemens, OMV und viele andere, betreiben in Wien ihre Headquarter für diese Märkte. Sie alle brauchen die Direktverbindungen in den Osten und dafür braucht es ein leistungsfähiges Drehkreuz, sowohl nach Osteuropa als auch mit einer starken Langstrecke. Die Verhandlungen zwischen Austrian Airlines und der Republik Österreich sind im Gange, die Entscheidungen werden dort getroffen. Ich kann nur sagen, die AUA ist unverschuldet in diese Krise geraten und Unterstützung ist aus unserer Sicht sinnvoll und notwendig. Das gilt genauso auch für die Low Cost-Carrier, die einen enorm wichtigen Beitrag für den Tourismusstandort Österreich leisten.

Welche Auswirkungen haben die derzeitigen Entwicklungen und Einschränkungen auf die weiteren Planungen zur dritten Piste für den Flughafen Wien?

Die 3. Piste ist ein von den Höchstgerichten endgültig und unanfechtbar genehmigtes Zukunftsprojekt, dieser wichtige Meilenstein bleibt unverändert aufrecht. Wie wir schon vor der COVID-19-Krise öffentlich mitgeteilt haben, könnte auch unter idealen Voraussetzungen eine 3. Piste frühestens ab 2030 zur Verfügung stehen. Derzeit sind Einschätzungen, wie schnell sich die Luftfahrt von der Corona Krise erholt, schwer möglich. Fest steht aber, dass der Flugverkehr weltweit aber wieder wachsen wird. Nach 9/11, SARS und Ebola verzeichnete die weltweite Luftfahrt die stärksten Wachstumsschübe aller Zeiten und auch nach COVID-19 wird, wenn auch langsamer, dieses Wachstum eintreten. Die Menschen wollen reisen, eine globale Wirtschaft ist ohne Passagier- und Frachtflüge praktisch nicht möglich. Österreich lebt von der Exportwirtschaft und dem Tourismus, die heimische Wirtschaft ist weitreichend auf Osteuropa ausgerichtet, die Volkswirtschaften unserer östlichen Nachbarländer werden stark zulegen, Verkehrsströme aus Asien drängen nach Europa. All das läuft über den Flughafen Wien und wird langfristig mehr Pistenkapazität nötig machen. Wenn in den kommenden Monaten wieder ein klareres Bild möglich ist, können wir auch sagen, ob dann die Bewegungs- und Passagiereinschätzungen eine Anpassung des bisherigen Zeitplans erfordern.

Vielen Dank für das Gespräch!

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