Vinyl & Music Festival
Vinyl & Music Festival
Heimische Musik auf dem Vormarsch

Indie Label Week 2019

Kaum jemand in Wien kennt die Musikszene besser als Dietmar Hoscher. Besonders Jazz, Rock und Blues haben es ihm angetan. Am 25. November startet er gemeinsam mit Till Philippi die erste „Österreichische Indie Label Woche“ im Reigen in Wien. schau-Club-Chefredakteur Christoph Berndl wollte dazu mehr wissen:

Wie kam es zur Idee für das erste „Indie Label Woche“?

Dietmar Hoscher: Ehrlich gesagt, es war eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Wie kann ich ganz schnell viel Geld verlieren? Wie’s im Moment ausschaut, ist es vor allem „viel Geld verlieren“ (lacht). Nein, Spaß beiseite, die Idee ist ganz einfach: Es gibt derartig viele Independent Labels in Österreich, größere wie auch kleinere, die aber oft unter der massenmedialen Wahrnehmungsschwelle agieren, weil sie wirklich jeden Groschen, den sie irgendwie einnehmen, in die Künstler, in die Produktion, die Platten stecken und daher kein Geld für die Werbung haben. Und nachdem ich ja seit 35 Jahren auch als Musikjournalist unterwegs bin ich über den VinylCorner des Concerto Magazins und über Till Philippi mit diesen Labels stärker in Kontakt gekommen. Diese Bands machen eben neben den CDs und dem Streaming auch viel Vinyl, worauf die jungen Leute total abfahren. Also, das ist sensationell: Die jungen Leut streamen entweder oder kaufen Vinyl. Das macht echt Spaß. Daher haben wir im „Concerto“ jetzt einen eigenen Vinylcorner, das sind circa zehn bis zwölf Seiten, die sich nur mit Vinyl beschäftigen – den Neuerscheinungen, Plattengeschäften usw. So sind wir ins Gespräch gekommen und haben gesagt: Gut, dann machen wir so eine Art Festival. Wo wir mal jeden Abend ein Label vorstellen. Und die Stark!Strom-Nacht ist in dem Sinn jetzt zwar keine Label-Nacht, weil „Stark!Strom“ ist ein eigenes Magazin, das sich aber auch mit jungen und jung gebliebenen – vor allem heimischen – Bands beschäftigt. Jeden Abend kann sich also ein Label mit mindestens drei Liveacts präsentieren. Das stellen die Labels selbst zusammen, die können sonst auch alles präsentieren, ihre sonstigen Produktionen, was sie eben wollen.

Warum ist bis jetzt niemand auf die Idee gekommen, so was zu machen?

Es ist schon aufwendig und es kostet Geld. Und du wirst zumindest in der ersten Auflage nichts damit verdienen. Das ist auch klar. Aber das ist auch nicht das Ausschlaggebende. Till Philippi, mein Partner in diesem „crime“, der ja u.a. immer das Vinyl- und Music Festival veranstaltet, nächsten März, vom 7. bis 8., auch wieder in der Ottakringer Brauerei, eine der größten Vinylbörsen Europas, ist eben auch in starkem Kontakt mit diesen Indie Labels. Es gibt einige Initiativen zur Förderung der Indie Szene und wir wollten halt dazu auch unseren kleinen Beitrag leisten. Denn die Künstlerinnen und Künstler, die Labels und das Publikum haben sich dies verdient. Und Spaß macht es uns auch … mitunter. (lacht)

Das Ziel ist also, mehr Leute zu erreichen?

Das Ziel ist natürlich, für die Labels und damit auch für die verbundenen Künstlerinnen und Künstler, eine breitere Öffentlichkeit, insbesondere auch eine breitere mediale Öffentlichkeit zu schaffen. Der ORF macht unter anderem mit ORF III und ORF.on fantastisch mit, ebenso 88.6 oder klarerweise das Concerto Magazin. Von daher ist sozusagen das Ziel, die Künstler bekannter zu machen.

Gibt es in so einer Community ein Konkurrenzdenken?

Nein, meiner Erfahrung nach überhaupt nicht, weil die Labels derartig unterschiedlich sind. Wir fangen an mit einer eigentlichen Hardcore-Rock-Nacht mit Electric Fire Records, gehen über Soul und Hip-Hop bis zu Americana und Singer-Songwriter … die Stark!Strom-Nacht ist eine Heavy-Metal-Nacht, also die nehmen sich gegenseitig stilistisch gar nichts weg. Und Ziel ist auch, die Vernetzung noch stärker zu machen. Wir sind weder ein Verband – den es ja gibt – noch wollen wir das werden. Wir wollen einfach nur eine Plattform bieten für Labels, die gleich geschrien haben: Ja, wir machen mit! Das ist spannend und wir wollen das auch dauerhaft einrichten. Also wenn wir nicht am 1. Dezember alle im Privatkonkurs sind, dann denken wir schon daran, das auch nächstes Jahr wieder zu machen, also eine Plattform bieten für Label und Künstler, Medienöffentlichkeit, zusätzliches Publikum ansprechen und die Vernetzung untereinander vorantreiben.

Veranstalter Dietmar Hoscher © Stefan Fürtbauer

Die Bands verkaufen ihre Tonträger vor Ort?

Das ist der einzige Verkauf von Tonträgern, den sie in Wirklichkeit haben. Und ein bissl jetzt durch den Vinylboom auch in den einschlägigen Plattengeschäften. Aber auch das ist vom Umsatz und den Stückzahlen her oft eher vernachlässigbar. Da, wo sie wirklich noch Tonträger verkaufen, ist bei den Konzerten. Daher muss man auch schauen, dass die mehr Konzerte bekommen. Wir wollen ja, dass sie mehr Konzerte kriegen, aber das kostet auch was. Oft sind sie eh schon froh, wenn sie die Kosten einspielen. Das muss verbessert werden!

Zur österreichischen Musik wie Wanda, Pizzera und Jaus: Die ist ja auch wieder en vogue – letztlich hat sogar Ö3 eingelenkt, wieder heimische Musik zu spielen. Ist das etwas, was das Thema auch nach oben befördert? Oder sind das komplett getrennte Welten? 

Nein, mit Sicherheit. Das ist eine der Absichten, die dahintersteckt, die österreichische Musik ist nicht wieder en vogue, sie war immer da und sie war auch immer sehr kreativ und sehr gut. Es hat andere Gründe, warum sie nicht wahrgenommen wurde, die kennen wir alle, aber wir wollen da nicht aufeinander losgehen. Über Deutschland – das muss man auch sagen – ist das nach Österreich wieder zurückgeschwappt. Weil Bilderbuch und Wanda sind über Deutschland wieder nach Österreich gekommen. Und dann hier wieder wahrgenommen, haben sie andere mitgezogen. Und eine kleinere Community, die auch sehr rege war und durchaus Bekanntheitsgrad hatte, hat’s immer gegeben, so wie den Ernst Molden, Nino aus Wien, die wieder andere nachgezogen haben, Voodoo Jürgens, Alicia Edelweiss usw. Letztendlich wird das durch das befruchtet, denn plötzlich schauen wieder mehr Medien und Leute drauf: „Ah, österreichische Musik …“ Jetzt kommt auch der Begriff „Austropop“ plötzlich wieder hoch.

Dass es über Deutschland kommt – wie sagt man immer „Der Prophet zählt im eigenen Land wenig“ –, gilt das noch immer?

Selbstverständlich, das war immer so. Wobei immer kann man auch nicht sagen. In den 70er-, 80er-Jahren, als der öffentlich-rechtliche Rundfunk wirklich die heimische Musikszene sehr gepusht hat, war das schon ein Markenzeichen. Es ist dann eben aus verschiedenen Gründen verloren gegangen, was aber nicht an der Kreativität der Künstler gelegen wäre. Das hatte andere Gründe, wo dann wirklich der Prophet im eigenen Land nichts gezählt hat: „Nur was international läuft, das spielen wir auch!“ Das Formatradio und die Privatradios, die da stark angefangen haben, haben sich so auch zu Formatradios entwickelt. Klar, weil du ritterst um denselben Werbekunden, was sollst du denn machen? Und das ist natürlich eine schlechte Entwicklung, weil es die heimischen Kreativen enorm schädigt. Mit Tonträgern verdienst du faktisch nichts mehr und das Streaming … Entschuldigung, was kannst du an Streaming verdienen, wenn du nicht gerade Elton John oder die Rolling Stones bist? Die anderen sind darauf angewiesen: 1. auf die Livekonzerte und 2. dass sie bei den Livekonzerten Tonträger verkaufen, dafür brauchen sie auch mediale Unterstützung.

Ich habe gehört, du hast dich an einem Label beteiligt?

Vorerst an einem Plattengeschäft! Mir gehört jetzt ein Drittel des Schallter Records Store in der Westbahnstraße 13. Den Laden gibt’s seit ungefähr drei Jahren. Den betreiben jetzt Walter Gröbchen, Georg Rosa und ich gemeinsam.

Ist das eine Liebhaberei?

Es ist eine Leidenschaft. Weder wirst du mit dem Verkauf von Schallplatten im Geschäft reich noch sozusagen mit der Produktion von Schallplatten, aber das steckt auch nicht dahinter.

Verkauft ihr da nur neue Platten oder auch alte?

Sowohl neue als auch Secondhand mit einem Schwerpunkt auf österreichische Künstler. Das kommt auch vom Walter und seinem Label Monkey Music, wo er viele österreichische Künstler drauf hat, aber auch im Secondhand-Bereich haben wir neben den internationalen Produktionen und Raritäten starken Bezug zu österreichischen Musikern. Aber auch erstklassige HiFi, für jeden Geldbeutel, bekommst du bei uns im Geschäft, das macht der Albert Barbic mit seiner Firma. Das heißt, bei uns bekommst du alles von der HiFi, also von der Schallplattenspieler-Nadel bis zum Streaming Device, und die passende „Software“, also in erster Linie Vinyl, dann eben auch.

Man ist in der Branche wahrscheinlich auch sehr stark vernetzt …

Schon. Wir sind ein relativ großer Laden, haben auch eine Veranstaltungsfläche, etwa für Showcases, Pressetermine, kleine akustische Konzerte, Diskussionsrunden oder Lesungen – das dient auch dem Vernetzungsgedanken.

Also nach dem Motto „Vernetzung als einzige Chance“?

Genau, so ist es. Dass man sich gegenseitig weiterhilft. Ich hab ja viele Diskussionsrunden mitgemacht, gerade mit den österreichischen Künstlerinnen und Künstlern, die sind sich untereinander nichts neidig. Die informieren sich gegenseitig über Auftrittsmöglichkeiten, die pushen sich gegenseitig, wenn die wo auftreten, dann sagen die den Veranstaltern „Heh, die anderen sind auch gut.“ Die tun wirklich, was sie können. Jetzt bedarf es eben Weitere, sie auch zu unterstützen.

Dietmar Hoscher ist Consulting Editor des Musikmagazins „CONCERTO“, hat unter anderem die künstlerische Leitung des Vienna Blues Spring inne, des längsten Bluesfestivals der Welt, das seit 2005 jährlich in Wien, vor allem im REIGEN, stattfindet und ist Präsident des Jazz Fest Wien Ambassadors Club. In diesem Jahr initiierte er die „Erste Österreichische Indie Label Woche“, gemeinsam mit Till Philippi.